Über das Lehrgebiet
Historische Architektur ist in mehrfacher Hinsicht eine kulturelle Ressource mit nachhaltiger Wirksamkeit. Jedes einzelne architektonische Objekt bzw. Bauwerk ist sowohl von einer künstlerischen Konzeption als auch verschiedensten Einflüssen geprägt. Das Bauen unterliegt sozialen, politischen, wirtschaftlichen, materiellen und technischen Bedingungen sowie Möglichkeiten, die auf die gebaute Umwelt zurückwirken und sich in Architektur und Städtebau widerspiegeln. Architektur ist damit der künstlerische, gesellschaftliche und historische Index unserer Kultur. Historische Bauwerke sind die Zeugen des Wandels im Guten wie im Schlechten, im Idealfall sind sie Vorbilder für die Architektur von morgen.
Dieses Grundverständnis von Architektur bildet die Basis des Lehrgebiets Architekturgeschichte, -theorie und Denkmalpflege in Forschung und Lehre. Entsprechend vermittelt es den Studierenden die Grundkenntnisse der Architektur- und Stadtbaugeschichte im Überblick und am einzelnen Objekt von den frühen Hochkulturen bis in die Gegenwart. Seine Hauptaufgabe ist es, historische Architektur und Stadtplanung, architekturtheoretische Diskurse und denkmalpflegerische Methoden zu betrachten, kritisch zu hinterfragen und in die Gegenwart zu überführen.
Aktuelles:
Forschungsprojekt:
"Transnationale Identitäten auf der Schiene des Simplon-Orient Express (1920-1940)"
Transnationale Verkehrsnetze spielten im zwanzigsten Jahrhundert eine wichtige Rolle bei der technologischen, wirtschaftlichen und politischen Vernetzung Europas. Ihre kulturellen Auswirkungen auf die Gestaltung gemeinsamer Identitäten über Grenzen hinweg in der Zwischenkriegszeit sind jedoch wenig erforscht. Dieses Projekt untersucht, wie kollektive Identitäten durch materielle Kultur und Architektur entlang eines solchen Netzwerks ausgedrückt und ausgetauscht wurden: dem Simplon-Orient-Express (1920-1940). Es entwickelt einen neuen interdisziplinären Ansatz, um den Transfer kollektiver Identitäten durch technologische Installationen zu untersuchen. Der Simplon-Orient-Express war die südliche Strecke der Zugverbindung Paris-Istanbul, die mit der Eröffnung des Simplontunnels (1920) zwischen der Schweiz und Italien in Betrieb genommen wurde. Diese gut dokumentierte Zugstrecke war berühmt für ihre luxuriösen Wagen der ersten Klasse, die den Reisenden der Elite ein hohes Maß an Komfort und Service boten. In den Zwischenkriegsjahren wurden die zweite und dritte Klasse eingeführt. Im Zuge des Zusammenbruchs von Imperien und der Gründung neuer Nationen entwickelten sich Städte wie Triest, Zagreb, Belgrad und Niš zu neuen Zentren von regionaler und internationaler Bedeutung. Dieses Projekt legt nahe, dass sich die Mitglieder der lokalen Oberklassen in diesen Städten als Teil einer breiteren europäischen, kosmopolitischen Bourgeoisie sahen, anstatt sich ausschließlich an lokale Identitäten und Prozesse der Nationenbildung zu orientieren. Sie nutzten Begriffe wie technologische Innovation, Komfort und Luxus sowie ihren Zugang zu exklusiven Reise- und Freizeiträumen, um ihren Status auszudrücken.
Statt Privathäusern untersucht die Forschung halböffentliche Räume, die lokale Eliten und internationale Reisende frequentierten: Hotels, Kaffeehäuser und Restaurants an ausgewählten Haltestellen der Strecke sowie das rollende Material des Zuges selbst – Schlaf-, Restaurant- und Salonwagen. Diese Innenräume dienten als Orte der Soziabilität, Vernetzung und Selbstdarstellung. Der zentrale Beitrag besteht in einer Methode, mit der sich untersuchen lässt, wie Identitäten über Grenzen hinweg durch gebaute Umwelten und mobile Infrastrukturen wandern – und wie feste und bewegliche, aktive und schlafende Räume zusammenwirken, um soziale Erfahrung und Identitätsbildung zu prägen. Damit zeigt es, wie Technik und Design Exklusivität und Identität vermittelten, und eröffnet durch den Fokus auf kulturelle Identität und die Gemeinschaften des Balkans eine neue Perspektive auf die Wirkmacht von Ingenieurwesen und Technologie bei der Integration Europas.
Dr. Charlotte Rottiers arbeitet an dem Projekt, das am Lehrstuhl für Architekturgeschichte, -theorie und Denkmalpflege von Prof. Dr. Christiane Fülscher angesiedelt ist. Das Projekt begann im Mai 2026 und wird großzügig von der Gerda-Henkel-Stiftung gefördert.
Dr. Charlotte Rottiers
Kontakt & Team
Prof. Christiane Fülscher, Dr.
- 0231 91124466
nach Vereinbarung
Gastwissenschaftlerinnen:
Lehrbeauftragte:
PD Dr. Beate Löffler
Studentische Hilfskräfte:
Emily Wiese


